Sinti und Roma
Auf dem Friedhof in Klingenberg gibt es insgesamt fünf Gräber der Sinti bzw. Roma. Mitglieder dieser Volksgruppen verweilten regelmäßig in Klingenberg a.Main. In den 1950er Jahren hatten sie Ihre Wohnwägen hinter dem Saalbau Schmitt (Wilhelmstraße 124) aufgestellt. Später bis in die 1990er Jahre waren Sie am Mainufer in Richtung Erlenbach zu Gast.
Die Heimatforscherin Gudrun Berninger schreibt in einem Aufsatz vom 1. Juni 2005 an die Lokalzeitung Main-Echo Folgendes:
... eine Germanistin aus dem Raum Aschaffenburg bat kürzlich um Auskunft über das Grab einer Zigeuner-Fürstin, das ihr bei einem Besuch des Klingenberger Friedhofes aufgefallen sei. Das Grab der Albertina Pohl ist tatsächlich eines der Interessantesten auf dem dortigen Friedhof. Ein mannshoher Findling hebt es aus der Reihe der übrigen Bestattungen heraus. Was ereignete sich damals vor 85 Jahren?
Am 7. Juni 1920 zog sich Albertina Pohl laut Totenschein in ihrem Wagen, der am Ortsrand von Klingenberg in Richtung Erlenbach abgestellt war, schwere Brandverletzungen zu und starb kurz darauf in einem Nachbarhaus.
Was ist darüber in Klingenberg noch bekannt? Eine Umfrage ergab erstaunliche Einzelheiten. Die Sippe der Frau Pohl war ob ihrer wunderschönen Pferde, mit denen sie landauf landab Handel trieb, bekannt. Man kampierte gerne in der Rotweimstadt, denn die dortigte Bevölkerung war allem Fremdem gegenüber aufgeschlossen und tolerant. So waren die Pohls auch anfang Juni 1920 wieder einmal nach Klingenberg gekommen. Was jedoch führte zu jenem schrecklichen Unglück? Die Überlieferung berichtet: Albertina Pohl wollte in ihrem Wagen die Spirituslampe nachfüllen und verschütterte dabei etwas von der leicht brennbaren Flüssigkeit. Diese fing Feuer, das die alte Dame erfolglos zu löschen versuchte. Schwerverletzt, brachte man sie in ein Nachbarhaus, wo sie verstarb. Ein alter Zigeuner meinte: "Falls sie in ihrem Wagen verbrannt wäre, hätte auch dieser dem Feuer übergeben werden müssen".
Albertina war die Stamm-Mutter der Sippe Pohl-Winter. Bei ihrer Beerdigung hätten die Männer farbenprächtige Kostüme getragen, denn "Die Trauer ist im Herzen und nicht im schwarzen Kleid".
Seit ihrem Tod treffen sich ihre Angehörigen alljährlich zu einem Gebet auf dem Friedhof und einem Gedächtnis-Essen, früher im Burkarder Hof. Dabei wurde für die Verstorbene am Kopf des Tisches mitgedeckt und ihr auch jeder Gang serviert. Lina Wengerter, die dortige Wirtin, erzählte, dass nach Beendigung des Mahles man diese Speisen dem Feuer übergab. ...
... Ende der Fünfziger Jahre fand eine besonders feierliche Beedigung statt. Es soll die von Julius Pohl, dem Schwager der Albertina, gewesen sein. Viele Trauergäste und noch mehr Schaulustige bevölkerten den Friedhof. Unter hinreißender Zigeunermusik wurde der Tote in die gemauerte Gruft versenkt, zur Wegzehrung wurden ihm Speisen, Getränke und Zigaretten mitgegeben, was die damals etwa sechsjährige Tochter des Vermessungsamtsdirektors Baumann schockierte: "Eckstein, genau wie Du sie rauchst Vati!", rief sie voller Schrecken, als das Grab mit Erde zugeschüttet wurde. Ob sie nach all den Jahren noch daran denkt?"
In einem Schreiben des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma e.V. vom 25.11.2010 ist folgender Wortlaut zu entnehmen:
" ... In diesem Grab ist der Vater von Herrn Georg Rose, Herr Julius Pohl und seine Großmutter Albertine Pohl bestattet. Der Vater von Herrn Georg Rose, Herrn Julius Pohl wurde im Nationalsozialismus aus sogenannten „rassischen“ Gründen verfolgt. Um seiner Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen, flüchtete Herr Pohl mit seiner Familie aus Deutschland. Seine Flucht führte ihn durch halb Europa zunächst über Österreich nach Italien, von dort nach Jugoslawien, wo er verhaftet und zur Zwangsarbeit in Marburg a. d. Drau (Maribor, heute Slowenien) verpflichtet wurde. Hier befand sich ein Zwangsarbeiterlager bei dem Propellerwerk (VDM) der Daimler-Benz-AG. Herr Pohl war aufgrund seines schweren Verfolgungsschicksals gesundheitlich schwerst beeinträchtigt und starb an den Folgen der erlittenen Gesundheitsschäden bereits sehr früh im Alter von 63 Jahren."















